6. Mobilbericht

 

6. Bericht aus einem Musterland des Mobilfunks

6. Bericht aus einem Musterland des Mobilfunks
Diverse Verbrechen in Musterländern des Mobilfunks. Kriminalbeamte ermitteln gemeinsam mit Wissenschaftlern und Bürgern

Im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung

Am Vormittag des 20. Dezember 2006 war ich von Cathrin Elss-Seringhaus, einer Kulturredakteurin der Saarbrücker Zeitung (fortan: SZ), zu einem längeren Interview eingeladen. Sie wollte mir bei meiner Identitätssuche helfen. Wir einigten uns darauf, daß ich mich mit folgenden Rollen identifizieren kann: naturwissenschaftlich interessierter Literaturwissenschaftler; Goethe-Forscher, den zu Lust wie Frust noch immer manche Langzeitprojekte begleiten; Theaterbürger und Mobilfunkkritiker; Sprecher des Bündnisses saarländischer Bürgerinitiativen und Mitbegründer des deutschen Netzwerks Risiko Mobilfunk; für manchen ein guter Mensch, für andere eine Nervensäge der saarländischen Gesellschaft.

Cathrin Elss-Seringhaus, die zu den Wenigen im Lande gehört, die auch schärfere Töne wagen, hat diese Bruchstücke meiner Existenz am 27. Dezember in dem verständnisvollen Porträt Ein Schöngeist und Widerständler. Professor Karl Richter aus St. Ingbert ist ausgewiesener Goethe-Experte und engagierter Mobilfunk-Gegner zu einer Einheit zusammengefaßt, die mir die gestörte Identität beinahe zurückgegeben hat. (Wenn sie im letzten Wort der Überschrift ‚Gegner’ durch ‚Kritiker’ ersetzt hätte, wäre alles geradezu perfekt gewesen).

Als Bildbeigabe zu dem Bericht fungierte ein Porträt mit unserem riesigen siedlungseigenen Antennenmast und mir kleinem Erdenwurm davor. Die Fotografin hatte sich überwiegend Bilder von mir gewünscht, auf denen ich den Arm ausstrecke und mit dem Daumen nach unten zeige. Später habe ich bei der Zeitung angerufen und um ein Bild ohne diesen abwärts gerichteten Daumen gebeten. Das ausgewählte Foto verzichtete dann vorsorglich auf beide Daumen – was jeder verstehen wird, der mit mir im Tageslauf weitergeht.

Saarländische Bürger und Pfälzer Kripo-Beamte

Für 14:00 – 16:00 Uhr des gleichen Tages hatte sich nämlich die Kripo Kaiserslautern bei mir angesagt. Drei meiner Identitäten konnten sie auf mich aufmerksam gemacht haben: maßvolle Geschwindigkeitsübertretungen; meine Rolle als Mobilfunkkritiker; vielleicht sogar die Tatsache, daß meine Ausgabe Sämtlicher Werke Goethes jetzt auch als Taschenbuchausgabe in einem gefährlich wirkenden schwarzen Koffer angeboten wird.

Es war meine Mobilfunkkritik, die besonders interessierte, wie ich am nächsten Tage auch in der SZ lesen konnte: „Unbekannte haben in den vergangenen dreieinhalb Monaten Anschläge auf 16 Mobilfunk-Masten im Nord-Saarland und im benachbarten Rheinland-Pfalz verübt. […] Hinter den Anschlägen vermutet die Polizei militante Mobilfunk-Gegner.“ Die Zeitung gab dem Artikel das Bild eines Masts aus Freisen bei, auf den schon mehrere Anschläge verübt worden seien, fügte aber dankenswerter Weise hinzu: „Prof. Richter, Sprecher des Bündnisses saarländischer Bürgerinitiativen Mobilfunk“, habe „sich klar von solchen Anschlägen distanziert und zu gewaltlosem Widerstand bekannt“.

Jeder wird meinen Verzicht auf alle militanten Daumen jetzt verstehen. Obwohl man mir ein so gutes Führungszeugnis ausgestellt hatte, wollte ich einem vielleicht naheliegenden Verdacht nicht durch ungewohnte Posen Nahrung geben.

Die Kripo-Beamten versicherten indessen abermals, daß der ‚Professor’ nicht unter Verdacht stehe. Man erhoffe sich von ihm vielmehr Auskünfte über den Forschungsstand, um diesbezüglich nicht ganz von den Auskünften der Mobilfunkindustrie abzuhängen - ein seriöses Berufsethos, das wir uns hierzulande häufiger wünschten. Darüberhinaus erwarte man sich einige Aufklärung über die Ereignisse: am besten natürlich immer die Nennung der Täter, ansonsten wenigsten ein Täterprofil, auch unsere Einschätzung, ob es sich um einen einzelnen oder mehrere Täter handle.

Im Interesse einer Verbreiterung der Aussagen wie einer Bezeugung meiner eigenen Auskünfte begleiteten mich mehrere Mitstreiter/innen in das Gespräch: Hilde Bitterauf (Lehrerin i. R., unsere ‚Jeanne d’Arc von Kirkel’), Sabine Lantermann (engagierte St. Ingberter Stadträtin der Familien-Partei, zugleich Schirmherrin und gelegentliche Muse der Bürgerinitiative Rohrbach MiRo), und Bernhard Meyers (einer der wenigen Ärzte des Landes, die einschlägige Kenntnisse haben und sich auch kritisch zu engagieren wagen).

Zum Stand des Wissens und Motiven von Anschlägen

Wir haben den Stand einer unabhängigen Forschung referiert, der von den politisch Verantwortlichen überwiegend ignoriert und geleugnet wird. Die Kluft zwischen diesem Wissen und den amtlichen Versicherungen der Unbedenklichkeit hat sich immer weiter geöffnet. Um dies nur in wenigen aktuellen Angaben anzudeuten: Das europaweite Reflex-Projekt z. B. ist soeben zu der Erkenntnis gelangt, daß die Gentoxizität der UMTS-Strahlung die bereits ermittelte der GSM-Netze bei weitem übertrifft - und das just bei derjenigen Technik, die ihre Antennen bis auf 10m-Abstände auch an Kinderzimmer heranrückt! Die im Umfeld von Antennen in der bayerischen Rinderstudie dokumentierten gravierenden Schädigungen landwirtschaftlicher Nutztiere sind von einem Projekt der Universität Zürich bestätigt worden, und weitere beunruhigende Berichte von Tierärzten liegen mir vor. Immer verläßlicher sind auch die – mitunter sogar staatlich geförderten, dann verheimlichten – Erkenntnisse über Schädigungen der Baumbestände. Was kurzfristig gedacht also ein wirtschaftlicher Erfolg sein soll, gefährdet längerfristig betrachtet also unsere gesamte Lebensgrundlage und die Zukunft von Generationen – auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Die deutlichen Urteile bezogen und beziehen sich im folgenden auf diesen gut gesicherten Stand der Erkenntnis und sind bereit, ihn vor jedem beliebigen Gericht eingehender darzulegen und zu vertreten.

Gemeinsam haben wir herausgearbeitet, wie viele Motive Menschen haben können, solche Anschläge zu verüben. Schon ich selbst vereinige in meiner Person zahlreiche denkbare Tatmotive: Ich leide seit 1999 unter der Wirkung zahlreicher naher Antennen, bin außerdem für mein handwerkliches Geschick und meine große Werkstatt bekannt. Seit ca. 4 Jahren gehört auch meine Frau zu den Betroffenen. Im langwierigen Schwanken zwischen Auswanderung und einem kostspieligen Schutz des Hauses - der sehr schwierig ist, weil die Mobilfunkverantwortlichen nur über die gepulste Penetration der Wände, nicht deren eventuell gewünschte Verhinderung nachgedacht haben -, tendieren wir gegenwärtig zum baulichen Schutz. Dies nicht einmal primär, weil es für uns auch um die Vertreibung aus unserer dritten Heimat und aus einem mit viel Liebe und Mühe aufgebauten kleinen Paradies geht, sondern weil uns die Kinder leichtsinniger Weise in dieses verfluchte Land gefolgt sind! Ich habe also so viele Motive, daß ich mich nach allen Gesetzen kriminalistischer Logik fast schon der Tat bezichtigen müßte!

Doch großes Ehrenwort! Ich war es nicht, kenne den Täter nicht, war auch noch nie in Freisen! Alle haben wir uns mit unserer Charta kritischer Bürger auf gewaltlosen Widerstand verpflichtet. Manchem ist das nicht leicht gefallen, weil er umgekehrt einen Staat, der Bürgernähe und Antennennähe verwechselt hat, inzwischen als verlogenes und tyrannisches Monster erlebt.

Ich schenkte den Kripo-Beamten zum Schluß sogar unser Buch Kommerz, Gesundheit und demokratische Kultur. Gewinner und Verlierer in einer Modellregion des Mobilfunks (Hg. K. Richter und H. Wittebrock), auch die Schrift Mobilfunk, Mensch und Recht (Hg. W. Karl und E. C. Schöpfer) des Österreichischen Instituts für Menschenrechte, an der ich mitgewirkt habe. Wir verwiesen schließlich auf das Buch von Thomas Grasberger und Franz Kotteder: Mobilfunk. Ein Freilandversuch am Menschen, das in einem kleinen Kapitel zahlreiche Anschläge auflistet und deren Zahl bereits im Jahr 2002 auf dreihundert schätzt. Das genannte gemeinsame Motiv des Abdriftens zu „illegalen Methoden“ wird so gesehen: „Offenbar fühlen sich immer mehr Bürger von ihrem Staat in der Mobilfunkfrage nicht geschützt, fühlen sich von Politik und Justiz im Stich gelassen“ (S. 192 f.). Nicht nur Tausende von Saarländern, sondern auch Hunderttausende von überzeugten Deutschen würden diesen Satz heute aus eigener Erfahrung Wort für Wort unterschreiben. Wir vier Gesprächsteilnehmer auch.

Saarländer und Pfälzer trennten sich zum Schluß fast schon als Freunde! Wenn sich jedenfalls die Größe unseres Landes als zu klein erweisen sollte, Bürgern ein akzeptables Niveau des Verbraucherschutzes und demokratischer Kultur zu gewährleisten, sollten wir es mit einem Gesundheits- und Justizminister in Kaiserslautern versuchen!

Standortbestimmung

Vor dem Hintergrund aktueller Ermittlungen scheint es mir wichtig, meinen eigenen Standort zu präzisieren.

Nach einem am 11. November d. J. auf dem 4. Nationalen Kongreß Elektrosmog-Betroffener in der Schweiz gehaltenen Vortrag Von der Demokratie der Bürger zur Diktatur der Industrie. Mobilfunkpolitik aus der Perspektive ihrer Opfer wurde ich von einem wehrhaften Schweizer in aller Öffentlichkeit im Theater von Olten gefragt: „Haben wir nicht alle schon viel zu lange geduldig gelitten? Stellen wir unseren bürgerfern Regierenden doch endlich ein klares und befristetes Ultimatum! Und wenn das ihre Beton- mentalität nicht rechtzeitig beeindruckt, so organisieren wir eine Volksarmee von 2.000 bis 5.000 Männern und Frauen und legen einen Mast nach dem anderen um.“ Ich habe dem Fragenden gesagt, daß ich ihn gut verstehen kann und aus einem spontanen Herzen heraus vielleicht sogar mit Siebzig noch seiner Armee beitreten möchte – wenn ich den Weg nicht als Bürger und Wissenschaftler für falsch hielte. Ich kann mich nicht für die Demokratie engagieren und gleichzeitig wie seinerzeit Max Frischs Graf Öderland mit der Axt in der Hand durch das Land ziehen!

Genau deshalb habe ich der Arbeit unseres Bündnisses saarländischer Bürgerinitiativen Mobilfunk von Anfang an eine Charta kritischer Bürger zugrunde gelegt, die sich ausdrücklich auf demokratischen, d. h. gewaltfreien Widerstand verpflichtet – als ob ich heraufziehende Konflikte bereits vor zweieinhalb Jahren vorausgesehen hätte:

    Wir wollen […] ein Stück lebendiger demokratischer Kultur realisieren – nicht als Rebellen, sondern als vorbildliche Demokraten. Wir hoffen, daß die Mobilfunkpolitik des Landes dem Beispiel folgt!

Doch auch der Nachsatz war alles andere als ein Gag. Eine im Sinne von Jürgen Leinemanns Höhenrausch wirklichkeitsferne Regierungspolitik übersieht, in welchem Maße wohlfeile Parteietiketten und Sonntagsreden vom Volk als Lüge erfahren werden, wenn sie vom politischen Verhalten nicht gedeckt sind. Und sie unterschätzen die Gewalt der Emotionen, die ein so empfundenes Gebräu aus Lüge und Gewalt in der betroffenen Bevölkerung hinterläßt. „Nur politischer Realitätsverlust vermag sich offenbar nicht auszurechnen, wie staatliche und wirtschaftliche Gewalt auch zur neuen Saat der Gewalt wird“, habe ich bereits in unserem Buch Kommerz, Gesundheit und demokratische Kultur gewarnt (S. 77) und gefordert, den Mißbrauch staatlicher und finanzieller Macht durch eine Ethik der Technik, die auch eine Ethik der Politik voraussetzt, zu begrenzen.

Wenn jedenfalls Bürgern geraubt wird, was Ihnen das Grundgesetz als Schutz der Menschenwürde, als staatliche Vorsorge, als Schutz des Eigentums und – im Falle der ‚Elektrosensiblen’ - als Schutz von Minderheiten verspricht, so wäre auch juristisch zu prüfen, ab wann die Auflehnung gegen eine solche Politik den Tatbestand der Notwehr erfüllt!

Einbruch bei meinem Kollegen Ulrich Warnke

Bei unseren sehr offen und vertrauensvoll geführten Gesprächen mit der Kripo Kaiserslautern an diesem 20. Dezember des Jahres 2006 konnte noch niemand ahnen, was wenig später geschah. Am Vormittag des 22. Dezember erreichte mich die verzweifelte E-Mail meines Universitätskollegen Ulrich Warnke:

    Guten Tag Herr Richter, nun ist etwas passiert, was mich arg zurückwirft. Gestern Nacht wurde in meinen Uni-Container hier eingebrochen, der Bildschirm geklaut und mein Computer gefilzt. (Kriminalpolizei sichert Spuren). Viele Daten betr. Mobilfunk lassen sich nicht mehr öffnen oder kopieren (explizit nur diese).

Ulrich Warnke aber ist nicht irgendwer. Er ist der international angesehene und wohl einzige Biowissenschaftler des Landes, der sich seit Jahrzehnten mit der Wirkung elektromagnetischer Felder befaßt. Schon daß ihn die amtliche Politik ignoriert, als ob es ihn nicht gäbe, um sich die Richtigkeit der Politik von genehmeren ‚Sachverständigen’ bescheinigen zu lassen, ist ein Skandal. Es macht ihn nicht besser, daß er logisch nachvollziebar ist. Denn gemessen an Warnkes Kenntnisstand würde der saarländische Traum von einem schnurlosen Paradies als kulturloses Projekt der Verantwortungslosigkeit und Dummheit erscheinen!

Daß es schon wieder Kräfte gibt, die unbequeme Wissenschaftler mundtot machen und ihrer wissenschaftlichen Freiheit berauben wollen, macht nur um so deutlicher: Selten war die Unabhängigkeit der Wissenschaft so wichtig wie heute und verlangten Gegenwart und Zukunft von Wissenschaftler auch die Bereitschaft, sich jeder Indienstnahme für politische und ökonomische Ziele zu widersetzen. Wir fordern der Gegenwart und Zukunft zuliebe ein Ethos von Wissenschaft, das seine gesellschaftliche Verantwortung in Freiheit und Unabhängigkeit ebenso bewährt wie im Widerstand gegen jede Art von politischer und ökonomischer Instrumentalisierung.

So verstehe ich Universität, und diesbezüglich darf es zwar keinen zu großen, aber immerhin einen deutlichen Unterschied zwischen Universitäten und Fachhochschulen geben!

Soziale Verbrechen

Ich habe keine Vorstellung, wer die Anschläge auf Antennenmasten verübt hat, und ich habe auch keine, wer den Einbruch in Warnkes ‚Container’ begangen haben könnte, der ein baubedingtes Provisorium ist. Doch beide Gruppen von Verbrechen haben nach meiner Überzeugung einen gemeinsamen Nährboden. Ich habe ihn in dem genannten Buch als „Porträt einer verwilderten Demokratie“ in seinen ideologischen Bewußtseinsformen beschrieben.

Nun also gibt diese verwilderte Demokratie ihr Debüt in Facetten ihres Handelns. Eine Demokratie, die im Begriff ist, zur Diktatur der Industrie und einem Terror kommerzieller Interessen zu degenerieren, bedient eine neuartige Spirale von Gewalt und Gegengewalt schneller, als ich das bei dem Erscheinen unseres Buches vorausgesagt hätte.

Natürlich werden die politisch Verantwortlichen wieder mit ihrer Sophistik kommen, daß das unser Werk ist, weil unsere Informationen der Bevölkerung Angst machen. Bevor sie so argumentieren, sollten sie richtiger ihre Berater auswechseln und vielleicht feststellen, daß die versprochene Bürgernähe dann wieder einfacher wäre.

Niemand von uns wird Anschläge rechtfertigen. Aber jeder der mobilfunk-betroffenen Bürger, der sich gegen die Mühlen deutscher Mobilfunksophistik den gesunden Menschenverstand bewahrt hat, der den Stand der Forschung und die Verheißungen des Grundgesetzes kennt, darf auch zu der Überzeugung gelangen, daß in Wahrheit auch alle politisch Verantwortlichen auf die Anklagebank gehören: der Wirtschaftsminister mit seinem unreifen Engagement für ein ‚Saarland unwired’; der Gesundheitsminister, wenn er sich davon „intelligente Arbeitsplätze“ verspricht, uns aber den intelligenten Verbraucherschutz schuldig bleibt; der Umweltminister, wenn er im Umkreis von Umwelttagen die Verdienste seiner Regierung um die „Reinerhaltung der Luft“ preist und damit zu erkennen gibt, daß ihm die unsichtbare Umweltverschmutzung offenbar noch kein Begriff ist. (Alles wörtliche Zitate)

„Verbraucherschutz, der schutzlos macht“: Dies war der Grundtenor eines Hilferufs von 33 Saarländern/innen an die EU, der inzwischen von der Kommission SNENIHR angenommen wurde. Ähnlich hat es auch Familie von B. gesehen, die den Minister bereits in zweiter Instanz angezeigt hat. Josef Hecken ist Minister für Justiz, Gesundheit und Soziales. Seine dreifache Zuständigkeit hat nicht nur Einschränkungen demokratischer Gewaltenteilung zur Folge. Jedes Defizit an fachlicher, moralischer oder demokratischer Kompetenz wirkt sich vielmehr auch dreifach fatal für eine Million von Schutzbefohlenen aus. Und seine bekannte Lust, die Welt nach seinem Willen und seiner singulären Vorstellung mit Geboten und Verboten zu ordnen, potenziert das Risiko. Die freiwillige Sterbehilfe wollte er verbieten – was die anderen Bundesländer nicht mitmachten. Als wir ihm aber vorwarfen, daß er sich nach dem Stand der unabhängigen Forschung sogar unfreiwilliger Sterbehilfe schuldig macht, ließ er das mit autoritärer Gebärde für eine haltlose Bezichtigung erklären. Legen gequälte Bürger ärztliche Gutachten vor, die die Ursache ihrer Leiden in nahen Antennen sehen, läßt er ihnen vom Schreibtisch aus zynisch erklären, daß sie beruhigt sein können, weil das angesichts eingehaltener Grenzwerte gar nicht sein kann. Erstatten sie Anzeigen, so ist von einer gegen ihn gerichteten Kampagne die Rede etc. etc. (Schreiben dieser Art liegen uns in reichem Maße vor). Sehen so Minister aus, die sich die Bevölkerung eines hochverschuldeten Landes leisten will?

Wenn sich die unentwegt beschworene politische ‚Eigenständigkeit’ dieses kleinen Landes auch moralisch, kulturell und demokratisch legitimieren kann, haben wir nichts dagegen. Wenn der Preis dieser Eigenständigkeit solche eingeschränkten politischen Formate sind, kann sie der wachsenden Zahl mobilfunkbetroffener Menschen gestohlen bleiben. Wir wollen ein europäisches Land, das seine Zukunft in einer gesunden Kultur und Umwelt sucht, keine Provinz eigenständiger Ministerien, kassierter Schulen und Theater und einem verordneten Bürgerglück unter Antennenwäldern!

Für Verbrechen, um die es dabei gehen könnte, wird sich weder die Kripo Kaiserslautern noch diejenige von Saarbrücken interessieren. Es sind Verbrechen im Umgang mit Wahrheit und Bürgern. Der Galilei Bert Brechts sieht sie als „gesellschaftliche Verbrechen“ – begangen mit Hilfe eines „Geschlechts erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können“.

Karl Richter

Januar 2007

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