5. Mobilbericht

Bündnis saarländischer Bürgerinitiativen Mobilfunk

Über die Kommunikation zwischen Mobilfunkkritikern und ihren demokratisch gewählten Vertretern in der Regierung.

5. Bericht aus einem Musterland des Mobilfunks

5. Bericht aus einem Musterland des Mobilfunks
Wer war Hippokrates? - Fragen zum Selbstverständnis einer Universität Wer war Hippokrates? - Fragen zum Selbstverständnis einer Universität

Persönliche Vorbemerkung

Ich danke meinem Kollegen Prof. Markus Löbrich, Biophysiker an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes, für die Einladung zu einem Vortrag von Prof. Jürgen Kiefer Mobilfunk – die unerkannte Gefahr?, der am 29. November 2006 die Lange Nacht der Wissenschaften an der Medizinischen Fakultät in Homburg / Saar eröffnete. Dank auch für jenes Stück fairer Streitkultur, das später folgte und das ich an meine Vorstellung von Universität immerhin anschließen konnte.

Mit dem erwähnten Vortrag gelang mir dies nicht. Als Wissenschaftler, betroffener Bürger und in meiner Eigenschaft als Bürgersprecher darf ich meine Kollegen von der anderen Fraktion fragen: Glaubt die Medizinische Fakultät wirklich, daß solche Vorträge Licht in die lange Nacht der Wissenschaften bringen? Darf sich eine Medizinische Fakultät in dieser Weise hergeben, industrielle und politische Bedürfnisse zu bedienen, wie es schon nach wenigen Minuten erkennbar wurde? Die Frage hat mich verfolgt, bis daraus dieser Bericht wurde.

Wem nutzte dieser Vortrag?

Jürgen Kiefer, ehemals Lehrstuhlinhaber für Biophysik am Strahlenzentrum der Justus-Liebig-Universität Gießen, ist seit 1998 Mitglied der Strahlenschutzkom-mission des Bundes. In Auseinandersetzung mit ungeliebten Ergebnissen einer unabhängigen Forschung vermißte sein Vortrag unentwegt die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft – blieb diese aber überwiegend schuldig. Auch der Rezensent der Saarbrücker Zeitung hat das in einem ungewohnt deutlichen Verriß mit Recht so gesehen. Wer heute 350 neugierigen Zuhörern, die sich über mögliche Risiken informieren wollen, mit einem Geigerzähler zunächst die Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung, dann die Ungefährlichkeit eines Handys demonstriert, kann morgen mit einem Hochfrequenzmeßgerät auch die Unbedenklichkeit von Radioaktivität beweisen!

So unseriös und pseudowissenschaftlich ging es auch weiter. Der Zwischenbericht zur Interphone-Studie, der nach drei Jahren der Handynutzung noch keine signifikante Erhöhung der Tumorrate ausweist, wurde als nächster Beweis grundsätzlicher Entwarnung zitiert – der Zusatz, daß über Spätfolgen damit noch nichts ausgesagt ist, unterschlagen. Am Ort eines Krebsforschungszentrums wurde eine differenzierte internationale Forschungslage, die überwiegend das gesteigerte Krebsrisiko bezeugt, in einer Weise verbogen und zerredet, wie ich das sonst nur von Mobilfunkvertretern kenne. Die aber sind ungefährlicher, weil sie auch von unerfahrenen Zuhörern leichter eingeordnet werden können. Herr Kiefer hat dem Ruf der Strahlenschutzkommission alle Ehre gemacht, politische und kommerzielle Interessen zu schützen – nicht die Bevölkerung.

Eine Ehrung der Medizinischen Fakultät war sein Vortrag jedenfalls nicht. Die 350 Zuhörer hatten sich an diesem Ort Aufklärung in einer umstrittenen und schwierigen Materie erhofft. Was sie geboten bekamen, war eine Veranstaltung professoraler Volksverdummung.

Sind kritische Bürger eine ‚relevante Gruppe’ der Demokratie?

Ginge es nur um diesen Vortrag, hätte ich mich mit der alten Faustregel beruhigt, daß gute und schlechte Vorträge das akademische Klima einer Universität beleben. Aber es geht um Grundsätzlicheres.

Eine Veranstaltungsreihe unseres Bürgerbündnisses, die ich betreue, hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Vorträgen angesehener Wissenschaftler Erkenntnisse einer unabhängigen Forschung zur Geltung zu bringen, die von der Mobilfunkpolitik des Landes ignoriert und der Öffentlichkeit verschwiegen werden. Ein großzügiger Bürgermeister stellt uns dafür den Sitzungssaal des Homburger Rathauses kostenlos zur Verfügung. Gemeinsam hatten wir die Hoffnung, daß sich am Ort der Medizinischen Fakultät ein dialogisches Verhältnis zu Kollegen der Medizin entwickeln könnte. Doch überrascht stellten mein Physik-Kollege K. Goebbels und ich fest, wie weit unsere Frage auf Desinteresse und Ablehnung stieß. Mit dem Vortrag von Jürgen Kiefer scheint die Medizinische Fakultät ihr Interesse am Thema entdeckt zu haben – im Sinne einer Art Gegenaufklärung ex cathedra.

Am 18. November hatten wir ein 5-stündiges Symposion Mobilfunk - Kinder – Schulen durchgeführt, dem auch Fachleute ein hohes wissenschaftliches Niveau bescheinigten. Prof. R. Frentzel-Beyme und Dr. U. Warnke machten auf der Grundlage internationaler Forschungsergebnisse mit Risiken für Kinder vertraut; Frau S. Bleuel verteufelte Handys nicht, sondern zeigte, wie man Kinder zu einem vernünftigen Umgang damit anleitet. Selbst der Kultusminister sollte uns für solche Pionierleistungen saarländischen Kinderschutzes dankbar sein!

Doch schon der Titel des 11 Tage späteren Vortrags deutete mit dem Fragezeichen hinter „Gefahr“ an, daß eine Kontrastveranstaltung überflüssiges Risikobewußtsein zerstreuen sollte. Im Falle der Fortsetzung eines kritischen wissenschaftlichen Dialogs hätte uns das kaum gestört. Doch was geboten wurde, war politik- und industriegefällige Verharmlosung unter scheinwissenschaftlichem Deckmantel.

Die Spuren einer solchen Vorstellung von saarländischer ‚Aufklärung’ lassen sich auf eine Mobilfunkdebatte zurückverfolgen, die am 23. November 2005 im Landtag des Saarlandes stattfand und deren Ertrag ich in meinem dritten Bericht dieser Reihe beschrieben habe. Der Saarland-Appell, der von unserem Bündnis und mehreren Landesparteien unterzeichnet worden war, hatte die Debatte angestoßen. Die Regierung zog sich darin in bekannter Weise auf ihren vorbildlichen Schutz der Grenzwerte zurück. Ergänzend bekannte sie sich immerhin zum „Dialog mit allen relevanten Gruppen der Gesellschaft“.

Die Biophysik der Medizinischen Fakultät gehörte zu diesen „relevanten Gruppen“ – unser Bündnis saarländischer Bürgerinitiativen nicht. Ein Mobilfunkantrag der Regierungspartei faßte am Appell beteiligte Wissenschaftler und Bürgersprecher zu einem kleinen Restposten vorgestriger „Mahner“ und Vertreter „wissenschaftlicher Randmeinungen“ zusammen, durch den sich eine demokratische Regierung nicht irre machen lassen dürfe!

Herr Kiefer ist der ihm zugedachten Aufgabe eines „relevanten“ Gesprächspartners in vollem Umfang gerecht geworden. Mit einem schlecht informierten und tendenziösen Vortrag hat er einer schlecht informierten und tendenziösen Regierungspolitik die Richtigkeit ihres mobilfunkpolitischen Kurses bestätigt.

Doch darf ich als Wissenschaftler einer Philosophischen Fakultät meine Kollegen von der anderen Zunft wenigstens fragen, wie sie im Spannungsfeld solcher Tendenzen und Interessen die Aufgabe einer Medizinischen Fakultät definieren?
Wer war Hippokrates?
Die gegenwärtige Landesregierung hat unser Land zum „Musterland des Mobilfunks“ und einem „Saarland unwired“ erkoren. Die Medizinische Fakultät hat mit Antennenparks auf ihren Dächern und WLAN-Antennen selbst in der Nähe von Entbindungsstationen an diesen Programmen teil. Aber übernimmt sie damit nicht eine eher größere Verpflichtung, sich an der Erforschung der Risiken zu beteiligen: die Pflicht z. B. zu fragen, wie weit die rapide Zunahme elektromagnetischer Umweltverschmutzung für die ungewöhnlichen Steigerungsraten mancher chronischer Erkrankungen mitverantwortlich sein könnte? Macht es Sinn, ein Zentrum für Krebsforschung zu unterhalten, aber die Frage neuartiger Umweltursachen verdrängen zu helfen?

Ich frage das nicht als vorgestriger Mahner, sondern im Bewußtsein aktueller Schädigungsnachweise, die  in diesem Land unbekannt scheinen. Oder nur verdrängt und totgeschwiegen werden, weil sie eine verantwortungslose Wirtschafts- und Gesundheitspolitik entlarven und erschweren würden?

Herr Kiefer zerredete und verharmloste alles, was ihm über den Weg kam - ob europaweites Reflexprojekt oder die an bayerischen Rindern beobachteten Strahlenschäden, für die er Viren verantwortlich machte. Aber er merkte offenbar nicht einmal, wie unglücklich auch diese Beispiele für informierte Hörer gewählt waren. Die neuesten Ergebnisse des europaweiten Reflex-Projekts haben soeben ergeben, "daß die bei GSM beobachtete gentoxische Wirkung durch UMTS bei weitem übertroffen wird" (Prof. F. Adlkofer, Koordinator des Projekts). Die drastischen Schädigungen landwirtschaftlicher Nutztiere durch hochfrequente elektromagnetische Felder, die die bayerische Rinderstudie erwiesen hat und die bis zu einer signifikant erhöhten Rate von Miß- und Totgeburten reichen, wurden soeben von der Universität Zürich bestätigt und um ein zehnmal höheres Risiko der sog. Kälberblindheit ergänzt. Die Ergebnisse einer von der Universität Wuppertal bereits 1999 durchgeführten und vom Land Nordrhein- Westfalen geförderten Studie, die erst nach beharrlichen Recherchen einsehbar wurden, dokumentieren am Beispiel von Koniferen unter der Einwirkung elektromagnetischer Felder schwerwiegende Schädigungen des Pflanzenwachstums; Schweizer Forscher haben sie auch für eine ganze Reihe anderer Baumarten wie u. a. Buchen und Ulmen beobachtet und kennen bereits charakteristische Mechanismen der Schädigung. Nach aktuellem Stand des Wissens sind also nicht nur wir selbst, sondern auch unsere wirtschaftlichen Lebensgrundlagen von der elektromagnetischen Überflutung unserer Wohngebiete und Landschaften bedroht!

Ein verantwortungsbewußter Wissenschaftler, der sich das alles vergegenwärtigt, kann die politische Werbung für ein saarländisches Paradies der Schnurlosigkeit nur als Programm grenzenloser Verantwortungslosigkeit bei eingeschränkter Weitsicht bewerten. Und eine Medizinische Fakultät, die sich dem geforderten Risikobe-wußtsein nicht nur nicht stellt, sondern mit solchen Vorträgen auch ihrerseits für das schnurlose Paradies wirbt, deklassiert sich zum gedankenlosen Reparaturbetrieb einer kranken Gesellschaft.

Oder versprechen uns Landesregierung, Strahlenschutzkommission und Medizinische Fakultät gemeinsam, für gesundheitliche und materielle Schädigungen aufzukommen, die sich aus dem Ignorieren und Verleugnen vorliegender Schädigungsnachweise ergeben? Und müssen wir demnächst auch sonst mit einem Gesundheitswesen rechnen, das zuerst für den Profit, dann für die Abklärung oder Verschleierung der Risiken sorgt – auch bei Einführung der Pharmaka?

Gemeinsam mit Medizinern, Naturwissenschaftlern und Philosophen bin ich seit Jahrzehnten dafür eingetreten, den hippokratischen Eid der Ärzte auf das Wohl der Menschen auf alle Wissenschaften zu übertragen, weil das für Gegenwart und Zukunft notwendiger erscheint denn je. Nach dem Vortrag von Herrn Kiefer habe ich mich umgekehrt gefragt, ob Hippokrates heute bis in die Medizinische Fakultät hinein vielleicht ebenfalls als vorgestriger „Mahner“ gilt, den man getrost vergessen kann?

Der Kommunikationsfunk hat uns eine gesellschaftliche Demenz beschert, die mindestens drei Ursachen hat: eine Strahlung, die man nicht sieht; einen Glanz des Geldes, der angeblich nicht stinkt; einen sichtbar-anrüchigen Strahlenschutz, dessen moralisches Format der Höhe deutscher Grenzwerte umgekehrt proportional ist!

Welche Aufgaben hat eine Universität?

Die obige Kritik wurde kurz nach dem Vortrag geschrieben. Aus dem Abstand einiger Wochen spüre ich noch meinen Zorn und versichere vorsorglich, daß ich weit davon entfernt bin, aus einem Gastvortrag im Interesse der Herrschenden auf den Zustand einer Fakultät zu schließen. Ich habe großen Respekt vor den Leistungen meiner medizinischen Kollegen. Aber die Frage nach den Aufgaben einer Universität stellt sich zuweilen uns allen.

Die gegenwärtig geführte kontroverse Diskussion um die Handy-Strahlung zeigt, daß die Universität weiterhin gefragt bleibt. Der Biophysiker Prof. Gerd Keller von der Medizinischen Fakultät in Homburg hat das soeben wesentlich differenzierter getan als vor geraumer Zeit sein eingeladener Kollege. Wenn er allerdings Krankheitssymptome im Umfeld von Antennen der „Angst vor Gesundheitsstörungen“ zuschreibt, so würden wir ihm gern Gutachten zur Situation von Bürgern an mehreren saarländischen Antennenstandorten vorlegen, die das anders sehen. Würde sich die Fakultät jedenfalls für die Ursachen der Beschwerden interessieren, wären die Bürger nicht der dürftigen Argumentationsweise der Gesundheitsbehörden und des zuständigen Ministers ausgeliefert, die vom Schreibtisch aus urteilen, daß alle Beschwerden gar nicht sein dürfen, weil deutsche Grenzwerte eingehalten wurden (SZ 2. 2. 2007 Seite A 2).

Am Vortag hatte die Universität mit anderen Facetten des Mobilfunkthemas von sich reden gemacht. Die Telekom hatte den angesehenen Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, das schon seit langem für die Mobilfunkindustrie arbeitet, abwerben und zum „Forschungschef für weltweite Produkte“ machen wollen – mit Aussicht auf einen „operativen Jahresetat in dreistelliger Millionenhöhe“. Wahlster wird in Saarbrücken bleiben. Doch in Saarbrücken und Berlin wird er auch die Zusammenarbeit mit der Telekom mit neuen Etats fortsetzen.

Es wäre töricht, in der gegebenen Situation, in der die Mobilfunkindustrie Hunderte wissenschaftlicher Arbeitsplätze sichert, an der Tatsache solcher Vernetzungen mit der Wirtschaft grundsätzliche zu rütteln. Für ein kleines Land wie das unsere hat die Universität eine geradezu staatserhaltende Funktion. Und sie gehört zu den wichtigsten Motoren des Wirtschaftslebens.

Andererseits fordert genau das, auch den Risiken der aus solcher Gemeinschaft erwachsenden Produkte nachzugehen und die Frage der gesellschaftlichen Verantwortung einer Wissenschaft nicht auf den ökonomischen Ertrag zu reduzieren. Vielleicht sogar gelegentlich zu fragen, ob alles gemacht werden muß, was ökonomischen Interessen zuliebe machbar wäre.

Beiträge zur Herrschaft der Industrie über das Volk

Die Industrie hat ein egoistisches Interesse, Risiken ihrer Produkte herunterzuspielen oder zu verheimlichen. Die Verantwortung für eine neutrale Risikoeinschätzung und -kontrolle liegt beim Staat.

Doch diese Balance ist im Falle der Mobilfunkpolitik durch zahlreiche Faktoren zuungunsten der Bevölkerung wie der unabhängigen Forschung gestört:

  • Die Wirkungsforschung wird nach Aussagen von Insidern zu mindestens 70% von der Industrie finanziert.
  • Ein in die Geschäfte der Industrie vielfältig verstrickter Staat, der Regreßforderungen und Gesichtsverluste fürchten muß, hat ein erkennbares Förderinteresse, daß die Unbedenklichkeitsnachweise die Oberhand behalten.
  • Die Vergabe von Posten und Forschungsmittel an genehme Wissenschaftler, die auch die Zustimmung der Industrie finden, ist einvernehmliche Praxis.
  • Maßlos überhöhte Grenzwerte, die nahezu alles gestatten, sichern allen Beteiligten die Freiheit von Schuld.
  • Wo sich Gerichte an diesen Grenzwerten orientieren, haben auch schwer geschädigte Bürger keine Chance.
  • Wo der Gesundheitsminister eines Landes wie des unseren die Auffassung vertritt, daß es die zureichende Aufgabe des Verbraucherschutzes ist, die Einhaltung der Grenzwerte zu gewährleisten, werden vorgelegte ärztliche Gutachten über Krankheitsaufkommen im Umfeld von Antennen von Meßtechnikern entsorgt.
  • Und wo der nämliche Gesundheitsminister zugleich Justizminister ist, ist die Gewaltenteilung in einem Maße eingeschränkt, daß Anzeigen gegen die verantwortungslose Scheinhaftigkeit dieser Art von Verbraucherschutz als regierungsfeindliche ‚Kampagne’ denunziert werden können.
  • Lassen sich nun auch noch Wissenschaft und Medizin für die wirtschaftspolitischen Interessen instrumentalisieren, oder schauen sie großenteils auch nur desinteressiert, eingeschüchtert oder zum Mitmachen bereit zu, so ist der letzte denkbare Schutz betroffener Bürger dahin.
  • Der Weg von der Herrschaft des Volks zur faktischen Diktatur der Industrie ist dann allerdings auch besiegelt – nur notdürftig verschleiert unter einem scheindemokratischen System faktischer Gleichschaltungen, die betroffenen Bürgern die Wahl lassen zu kämpfen, zu resignieren oder auszuwandern.

Persönliche Nachbemerkung

Nicht wenige meiner Gesprächspartner, auch manche Kollegen darunter, sind nacheinander alle drei dieser Wege gegangen. Aber haben wir dazu in unserer Geschichte bereits mehrere totalitäre Regime abgeschüttelt? Wenn unsere Hochschulen gerade auch in Ländern mit über-intakten Herrschaftsstrukturen nicht mehr an Rückgrat und hippokratischem Geist aufzubieten haben, lasse ich mich noch auf meine alten Tage exmatrikulieren.

Zwei Zeichen der Hoffnung sagen mir, daß es nicht dazu kommen muß. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen bestätigen und teilen meinen Frust oder unterstützen gar mein gesellschaftskritisches Engagement. Und der Präsident unserer Universität, Prof. Dr. Volker Linneweber, hat seine Grußbotschaft zu meinem Siebzigsten noch immer nicht an einen Nestbeschmutzer adressiert, sondern mir für folgende Dinge gedankt: „Ihre weit ausstrahlenden Aktivitäten als Herausgeber der Goethe-Ausgabe, Ihren Beitrag zum spezifischen Profil der Saarbrücker Germanistik und ihr außergewöhnliches bürgerschaftliches Engagement“.

Als an sich uneitler Mensch bin ich geneigt, das zu relativieren und einer Situation zuzuschreiben, in der man Menschen traditionell Freundliches sagt. Aber in dünner Luft bin ich ihm für die Bestätigung und Anerkennung dankbar – ganz besonders den letzten Teil der Aussage. Denn er erhält mir die Universität, an der ich drei Jahrzehnte meines Lebens gewirkt habe, als ein wesentliches Stück meiner geistigen Heimat.

16. Dezember 2006  und 2. Februar 2007

Karl Richter

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